Gespräch mit AWO-Geschäftsführerin Marion Tost zum aktuellen Stand

„Wer genau hinschaut, sieht Armut überall in der Stadt“, sagt Marion Tost, Vorständin der Arbeiterwohlfahrt Bayreuth-Stadt. Ein Projekt, um hier gegenzusteuern, hat sich seit rund drei Jahren bewährt: Lebensmittelgutscheine für Seniorinnen und Senioren. Rund 50 sind es jeden Monat, die um Unterstützung bitten.

Damit lassen sich zwar keine grundlegenden Probleme beseitigen, aber den Betroffenen wird zumindest für einen gewissen Zeitraum etwas Luft verschafft. Gemeinsam mit der Kurier-Stiftung „Menschen in Not“ läuft das Projekt. Die Stiftung hat in der Zwischenzeit rund 60.000 Euro dafür aufgewendet. Bei der Arbeiterwohlfahrt in der Spitzwegstraße gibt es zweimal im Monat Ausgabetermine, für die man sich anmelden kann. „Zwei Vormittage im Monat sind quasi ausgefüllt mit der Gutscheinausgabe.“

Das AWO-Zentrum in der Spitzwegstraße mit seinen Hausgemeinschaften und der Tagespflege hat den großen Vorteil, dass die Menschen, die um Hilfe nachsuchen, nicht sofort erkannt oder stigmatisiert werden. Hier gibt es den ganzen Tag über viel Publikumsverkehr, so dass es nicht auffällt, wenn Menschen kommen, um sich hier einen Gutschein abzuholen. Auch damit wollen die Stiftung und die Arbeiterwohlfahrt die Hürde nehmen, die viele noch im Kopf haben und den Weg zur AWO scheuen. „Außer dem Rentenbescheid wird keine Auskunft verlangt“, sagt Tost, die von der Bedeutung solcher Mikroprojekte überzeugt ist. Noch sind es aber nur wenige Bayreutherinnen und Bayreuther, die davon Gebrauch machen, obwohl sie problemlos Lebensmittelgutscheine bekämen. „Zu 99 Prozent gehen die Antragsteller mit einem Gutschein wieder raus.“ Nur Nichtrentner werden zurückgewiesen.  

„Das Interesse daran hat im vergangenen Jahr noch einmal zugenommen,“ sagt Marion Tost. „Bei vielen, die zu uns kommen, merkt man inzwischen Existenzangst“, ergänzt Monica Wolf, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva Eagan für die Verteilung der Gutscheine zuständig ist. „Erst neulich habe ich eine Frau beim Pfandflaschen sammeln in der Stadt gesehen. Sie hatte sich vorher einen Gutschein bei mir abgeholt.“ Die Armut ist überall angekommen.

Manchmal kommt es auch vor, dass Bedürftige von anderen Wohlfahrtsverbänden zur Arbeiterwohlfahrt geschickt werden, um Notsituationen zumindest zu überbrücken. Kritisch wird es dann im Sommer, wenn die Tafel in die Sommerpause geht, und sich viele Menschen einfach nicht mehr zu helfen wissen. Oft hört Monica Wolf auch Klagen, dass es bei der Tafel nichts mehr gebe, wenn sie an der Reihe seien. „Und vielen von ihnen geht es auch psychisch nicht gut“, sagt Monica Wolf. Ein weiteres Problem, das oft im Zuge finanzieller Notlagen auftaucht.

Das Projekt gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt wird fortgesetzt. Marion Tost ist von der Bedeutung solcher Projekte überzeugt. Man werde weiter im Kleinen versuchen, Senioren in Not zu unterstützen. Die Freude über solche Gutscheine ist sehr groß, berichtet Monica Wolf aus ihrem Alltag. „Da kommt es schon mal vor, dass man eine Tafel Schokolade mitgebracht bekommt. Und so ein Geschenk kann man dann auch nicht ausschlagen.“

Weitere Beiträge zur Lebensmittelgutschein-Aktion finden Sie hier.

Marion Tost, Monica Wolf und Eva Eagan (von links) von der Arbeiterwohlfahrt bei der Vorbereitung der Gutschein-Ausgabe.
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